Schnabelköpfige Seeschlange, Enhydrina schistosa

Allgemeines

Es gibt etwa 60 verschiedene Arten von Seeschlangen, die alle giftig sind. Aber nur drei der 60 Arten gelten als aggressiv und daher für Taucher, Schwimmer und Schnorchler als besonders gefährlich. In den Morgenstunden dümpeln sie oft an der Wasseroberfläche oder aalen sich auf einem trockengefallenen Riff in der Sonne. Wenn eine Seeschlange auf einen Taucher trifft, kann es passieren, dass sie an ihn heranschwimmt und sich um seine Arme und Beine wickelt ihn aber normalerweise nicht attackiert. Das Gift von Seeschlangen muss deshalb besonders stark und schnell wirksam sein, da ansonsten die Beutetiere, Fische, entkommen können und ihr späterer Tod der Schlange wenig nützen würde.

Seeschlangen werden von Fischern immer wieder in ihren Netzen mit an Bord gehievt. Obwohl die Fischer sich der Gefahr eines Bisses durch diesen Beifang bewusst sind, kommt es dennoch immer wieder zu meist tödlichen Bissunfällen. Daher findet man unter Fischen die meisten Opfer von Seeschlangenbissen. An dieser Stelle wird von den 60 Seeschlangenarten die sehr aggressive Schnabelköpfige Seeschlange aus der Gattung Enhydrina näher beschreiben. Von der Gattung Enhydrina gibt es die folgenden beiden Arten:
- Enhydrina schistosa
- Enhydrina zweifeli
Von der hier vorgestellten Schlangenart Enhydrina schistosa gibt es keine Unterarten.

Gliederung, Taxonomie

Familie Giftnattern (Elapidae)
Unterfamilie Seeschlangen (Hydrophiinae)
Gruppe Hydrophis
Gattung (Enhydrina)
Art Schnabelköpfige Seeschlange (Enhydrina schistosa)

Ausländische Bezeichnungen:
Englisch:
Beaked Seasnake
Französisch: Serpent de mer à tête de bec

Aussehen, Verhalten

Die Schlange wird zwischen 1 m bis maximal 1,40 m lang, wobei Längen über 1,10 m eher selten sind. Das Tier ist cremefarben bis grau gefärbt und weist verwaschene blaugraue Querbänder auf. An der Unterseite des Mauls hat sie eine lange fast dolchartige Schuppe. Ihr Maul kann sie sehr weit öffnen. Die Schlange bringt zwischen 3 bis 30 Junge lebend zur Welt.
Sie ernährt sich von Fischen und Gliederfüßern. Zu den Gliederfüßern gehören beispielsweise Entenmuscheln, Insekten, Krebse, Skorpione, Spinnen oder Tausendfüßler. Auf der Jagd nach Beute lauert sie jedoch nicht im Verborgenen sondern ist aktiv auf Beutesuche unterwegs. Diese Schlange gilt als recht unberechenbar und kann ohne ersichtlichen Grund Taucher, Schwimmer oder Schnorchler attackieren. Das Tier ist in der Regel dämmerungs- und nachtaktiv.

Vorkommen

Die Schlange kommt in den Gewässern der folgenden Länder vor:
Australien (North Territory, Queensland)
Bangladesch
Indien
Madadaskar
Malaysia
(incl. Sabah und Sarawak)
Myanmar
Neu Guinea
Oman
Pakistan
Seyschellen
(südlich davon)
Thailand
Vereinigte Arabische Emirate
Vietnam


Die Seeschlangen leben in den warmen tropischen Gewässern, insbesondere in den Küstengewässern zwischen Nordaustralien und Südasien. Im Atlantischen Ozean findet man diese Schlangen nicht. Das Tier lebt in seichten Buchten und in den Mündungsdeltas von Flüssen. Hin und wieder findet man sie aber auch in Süßwasserbiotopen.

Vermeidung eines Bisses

In der Regel sind die 60 Seeschlangenarten zwar sehr neugierig aber nicht aggressiv - mit Ausnahme von drei Arten. Leider gehört diese Seeschlange zu diesen drei Arten, da sie durchaus ohne ersichtlichen Grund Taucher, Schwimmer oder Schnorchler attackiert. Auch wenn es schwer fallen mag, muss dabei Ruhe bewahrt werden, da hektische Bewegungen das Tier noch mehr reizen könnte. Allerdings kommt es während der Paarungszeit zu einem noch aggressiveren Verhalten. Klug ist es, einen Ganzkörperanzug zu verwenden, der auch Arme und Beine bedeckt. Durch das 5 mm dicke Gewebe kommen die Giftzähne in der Regel nicht hindurch. Am besten taucht man in einer Gruppe unter Leitung eines in den jeweiligen Gewässern heimischen Tauchlehrers. Es gibt weltweit zahlreiche deutsch- und englischsprachige Tauchschulen. Da die Schlange sich eher in flachen Wasser und/oder den Mündungsdeltas von Flüssen aufhält und eher nachtaktiv ist, spielt sie daher keine so große Rolle eine Rolle, sofern Schwimmer, Taucher und Schnorchler diese Gewässer meiden.

Art des Giftes

Das Gift der Schlange besteht in der Hauptsache aus einem auf das Nervensystem wirkenden Anteil sowie aus Anteilen, die zum Untergang von Gewebe führen (Myolyse). Es ist dabei erfreulicherweise so, dass es in nur etwa 20% der Bisse zu einer Giftabgabe kommt. Die LD50 (lethale Dosis) ihres Gifts beträgt etwa 0,01 mg pro kg Körpergewicht der verwendeten Versuchsmäuse. Unter der LD50 versteht man die Menge an Gift in mg (1 mg = 1/1000 g) gemessen, bei dessen Injektion die Hälfte (50%) der eingesetzten Versuchstiere pro Kilo hochgerechnet - meist weiße Mäuse - verstorben ist.
Wenn eine Maus beispielsweise 100 g wiegt, so reichen bereits 0,001 mg ( =1 Millionstel Gramm), um 50% einer größeren Anzahl Mäuse mit diesem Gewicht zu töten. Das Gift ist deswegen so effektiv, damit die Beutefische nach dem Biss nicht mehr weit davon schwimmen können.

Folgen eines Bisses

Jeder Biss muss etwa bis zu ca. 8 h nach dem Biss als lebensgefährlich angesehen werden. Erst danach kann damit gerechnet werden, dass kein oder nur sehr wenig Gift injiziert wurde. In weniger Prozent der Fälle kommt es bereits nach 2-3 h zum Tod. Ein Vollbiss mit der Abgabe einer größeren Menge Gifts muss bei dieser Schlange als absolut lebensgefährlich angesehen werden.
Es kommt normalerweise zu keinem Schmerz im Bereich der Bissstelle und auch zu keinen lokalen Symptomen. Bei einer starken Vergiftung können die ersten Symptome bereits nach wenigen Minuten auftreten. Die Lähmungen beginnen im Bereich des Auges sowie mit Sprach- und Schluckbeschwerden. Starke allgemeine Schmerzen beginnen sich etwas später bemerkbar zu machen. Weiterhin kann es zu Lähmungen der Skelettmuskulatur bis hin zu Atemlähmungen kommen. Ein Atemstillstand muss sofort mittels einer künstlichen Beatmung behandelt werden - ansonsten verstirbt die betroffene Person mit Sicherheit.
Auch ein Zugrundegehen von Muskelgewebe (Myolyse) ist zu erwarten und durch eine Hyperkaliämie (zu viel Kalium) kann es zu Herzrhythmusstörungen kommen. Bedingt durch die Myolyse kann es zu Nierenschäden kommen.
Wenn der Biss überlebt wurde, ist mit einer viele Wochen andauernden Rekonvaleszens zu rechnen.

Antiserum

Es gibt gegen das Gift aller Arten von Seeschlangen nur ein polyvalentes Antiserum - mit einer nur sehr wenig spezifischen Wirkung auf die einzelnen Arten. Dabei haben sich alle Antiseren bei der Behandlung der das Gewebe zerstörenden Giftanteilen als praktisch wirkungslos erwiesen.
Alle Antiseren gegen australische Landgiftnattern weisen sollen eine gewisse Kreuzreaktivität zu Seeschlangen-Toxinen aufweisen und können daher m Notfall verwendet werden.

Erste Hilfe

Die allgemeinen Regeln, wie man sich bei einem Schlangenbiss zu verhalten hat, sind bereits in unserer allgemeinen Einleitung über Schlangen dargestellt worden. Sie seien der Übersichtlichkeit halber hier aber nochmals erklärt

  • So schnell wie möglich das Wasser verlassen und bei Tauchern das Tauchequipment ablegen
  • unbedingt Ruhe bewahren, sowohl körperlich wie auch psychisch. Falls vorhanden, ist die Gabe eines Beruhigungsmittels empfehlenswert
  • die gebissene Extremität ruhig stellen, den Arm in eine Schlinge legen oder das Bein möglichst schienen.
  • sofern es irgendwie möglich ist, sollte die gebissene Person im Liegen transportiert werden
  • die Schlange identifizieren
  • die Gabe von Flüssigkeit ist sinnvoll, aber nur in Form von Wasser, Säften u.ä., und nicht als Alkohol, Cola oder Kaffee
  • alle Möglichkeiten ausschöpfen, dass die gebissene Person schnellstens professionelle Hilfe bekommt
  • sollten Atembeschwerden auftreten, kann das Leben über viele Stunden mittels einer Mund-zu-Mundbeatmung erhalten bzw. verlängert werden
  • das Aussaugen, Ausschneiden oder Ausbrennen der Bisswunde hat sich als nicht sinnvoll erwiesen

Das Anlegen eines Immobilisierungs-Druckverbandes ist nach einem Biss dieser Schlange sehr empfehlenswert.

Prognose

Ein Biss dieser Schlange führt ohne eine intensive Behandlung - u.a. mittels eines Antiserums und einer künstlichen Beatmung - mit sehr großer Wahrscheinlichkeit zum Tod. Sollte der Biss überlebt werden, so sind Spätfolgen jedoch nicht zu erwarten, auch wenn der Gesundungsprozess viele Wochen in Anspruch nehmen kann.

Bissvorfälle

1. Eine Gruppe von Touristen hatten in Thailand an einer mehrtätigen Tauchfahrt teilgenommen. Bei einem der Tauchgänge hatte die Schlange einen der Teilnehmer, einen 32-jährigen Deutschen, völlig unvermittelt und ohne ersichtlichen Grund attackiert und dabei ins Bein gebissen. Wegen des warmen Wassers hatte er keinen Ganzkörperanzug an. Er war sofort aufgetaucht und wurde anschließend an Bord genommen. Dabei zeigte er bereits erste Vergiftungserscheinungen, wie Taubheitsgefühle im Mundbereich, Sprach- und Schluckbeschwerden und Sehstörungen. Bald darauf hatten sich die Lähmungen auf die Arme und Beine ausgebreitet. Der junge Mann war 30 bis 40 Minuten nach dem Biss an einer Atemlähmung verstorben. Es sei erwähnt, dass sein Leichnam nach einer Obduktion in Bangkok nach Deutschland überführt wurde.

2. Ein besonders folgenreicher, um nicht zu sagen tragischer, Bissunfall im Jahr 2002 in Bangladesch wurde erstaunlicherweise in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Eine größere Gruppe von 10 bis 12jährigen Jungs hatten im Wasser einer Flussmündung herumgetollt, wobei sie nur Badehosen anhatten. Dabei waren sie in eine Gruppe der Schnabelköpfigen Seeschlange geraten. Obwohl sie die Gefährlichkeit dieser Seeschlange sofort erkannten, gelang es ihnen nicht, ihnen schnell genug zu entkommen. Dabei wurden vier von ihnen von den besonders aggressiven Schlangen - teilweise sogar von mehreren Schlangen - gebissen. Es gab keine Möglichkeit, ihnen danach zu helfen und alle vier waren innerhalb einer halben Stunde nach dem Biss an Land qualvoll verstorben.

Zusammenarbeit

Seit Anfang September 2008 arbeiten wir mit der folgenden sehr bedeutenden österreichischen Schlangenfarm zusammen:

Reptilienzoo Nockalm
Eigentümer: Peter Zürcher
Vorwald 83
9564 Patergassen
Österreich/Kärnten
Mobil: 0043 - (0)676 - 3747 807

Der Reptilienzoo - idyllisch im Bundesland Kärnten gelegen - beherbergt eine große Anzahl der verschiedensten Schlangen, von den Kobras über Klapperschlangen, Kreuzottern, Aspisvipern bis hin zu Puffottern und Mambas - um nur einige zu nennen. Der Zoo eignet sich sowohl für Einzelbesucher wie auch für Familien oder Schulklassen.
Er liegt ca. 40 km von Villach in Richtung Kleinkirchheim entfernt.

Giftnotruf-Zentralen in Deutschland, Österreich und der Schweiz

Giftnotruf-Zentralen, die auch vom Ausland aus 24-stündig erreichbar sind, hier >>>

Buch- und Linkempfehlung

Harald Heatwhole
Sea Snakes
Australian Natural History
sydney 1999
ISBN: 3804716393

Australian Institute of Marine Science

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