Klimawandel

Klimawandel - Welche Schuld trägt der Westen?

Die mächtigste Wirtschaftspower, der größte Energiehunger – für viele ist "der Westen“ deshalb alleiniger Verursacher des Klimawandels – doch stimmt das so wirklich?
Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass der Klimawandel sich in allen Facetten bereits zeigt. 2016 geht als weiteres Rekordjahr der Durchschnittstemperaturen in die Geschichte ein, gefolgt von 2018.
Erst Anfang des Jahres wüteten in den US-Südstaaten Tornados und verschlungen ganze Landstriche. Leider nichts Ungewöhnliches, denn diese Areale gehören zur "Tornado Alley“, in der alljährlich Wirbelstürme toben.
Bloß beginnt – oder besser begann – die Tornado Saison immer erst Ende März und nicht schon drei Monate zuvor.
Dass der menschgemachte Klimawandel real ist, bezweifelt kaum jemand von Rang – jedoch werfen Kritiker gerne ein, dass vor allem "der Westen“, also Erstwelt-Nationen in Europa und auf dem nordamerikanischen Kontinent, die Verursacher seien.
Genau das will der folgende Artikel zum Anlass nehmen, auszuloten, in wie weit wirklich der Westen der Schuldige an dieser Katastrophe ist und wo die Umweltaktivisten übers Ziel hinausschießen.

1. Der Geschichts-Faktor

Klimawandel hängt unverbrüchlich mit der Industrialisierung zusammen. Erst der massive Ausstoß von Treibhausgasen ist der Grund dafür, dass im vergangenen Jahrhundert die Durchschnittstemperatur der Erde um fast ein Grad anstieg. Und hier ist der Schuldige tatsächlich der Westen.
England, Frankreich, Deutschland, die USA – diese Nationen und ihre Anrainer sind die "Wiege der Industrialisierung“. Hier entstanden die ersten Fabriken, hier wurde die meiste Kohle gefördert – und verbrannt.
Und so wie die Industrialisierung einen unstillbaren Hunger nach Arbeitskräften hatte, sorgte sie auch dafür, dass mehr Menschen ein vergleichsweise hohes Einkommen genossen. Mit der Folge, dass der allgemeine Lebensstandard im Westen sich mit rasanten Tempo gegenüber anderen Nationen steigerte.
Und wo der Lebensstandard steigt, klettern auch die Geburtenzahlen – zumindest war es so vor Einführung effektiver Verhütungsmittel. Gleichsam verbesserte sich die medizinische Versorgung. Und an diesem Punkt kommt alles zusammen:
• Industrialisierung
• Zuzug von Arbeitskräften
• Erhöhter Lebensstandard
• Mehr Geld für Artikel des täglichen Gebrauchs
• Noch mehr Industrie, um diese Güter zu produzieren
Die Folge ist ein Kreislauf. Würde man den Klimawandel singulär nur aus der geschichtlichen Perspektive betrachten, gälte demnach tatsächlich, dass der Westen der Alleinschuldige wäre.
Bloß muss auch bedacht werden, dass sich, vor allem in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, viele, vormals bäuerliche Nationen, ebenfalls „hoch-industrialisierten“.
Ein Beispiel seien die ehemalige Sowjetunion sowie China, die beide ab den 1950ern gigantische Industrialisierungs-Programme begannen und so rasant aufholten, wozu die ursprünglichen Industrieländer gute 100 Jahre Zeit hatten.

2. Der Gegenwarts-Faktor

Begonnen hat der Westen. Allerdings hat sich das Industrialisierungs-Niveau heute viel breiter aufgefächert – es gibt praktisch keine Länder, die nicht selbst produzieren, in denen keine Autos rollen, in denen keine Klimagase ausgestoßen werden.
Und genau an diesem Punkt fächert sich auch die Verantwortlichkeit auf – um es kurz auszudrücken "begonnen hat der Westen, die anderen machen aber fröhlich mit“. Doch auch wenn es so einfach klingt, ist auch diese Antwort noch nicht wirklich erschöpfend.
Denn schaut man sich die Liste der Länder mit dem höchsten Energieverbrauch an, finden sich allein in den Top-20 viele Nationen, die noch vor 30 Jahren in Sachen Energiehunger unter „ferner liefen“ fielen: 
1.    China
2.    USA
3.    Indien
4.    Russland
5.    Japan
6.    Kanada
7.    Deutschland
8.    Brasilien
9.    Südkorea
10.    Iran
11.    Saudi-Arabien
12.    Frankreich
13.    Indonesien
14.    Großbritannien
15.    Mexiko
16.    Italien
17.    Spanien
18.    Australien
19.    Türkei
20.    Thailand
Es bewahrheitet sich also in der Tat die bereits im ersten Kapitel angesprochene Theorie, dass gestiegener Lebensstandard und Energiehunger Hand in Hand gehen. Kritiker werfen hier gerne ein, dass viele ehemals führende Industrienationen, wie etwa Großbritannien, heute kaum noch selbst produzieren – nur ein Zwölftel aller Briten bekommt seinen Lohn noch von einem Industriebetrieb.
Ja, in der Tat ist das so, aber Energiehunger entsteht nicht nur durch Hochöfen und Walzwerke. Das lässt sich am Beispiel Deutschland gut demonstrieren – unsere 16 Bundesländer haben teilweise Energieverbräuche, die denen ganzer Erstwelt-Nationen entsprechen. Baden-Württemberg etwa benötigt so viel Energie wie ganz Norwegen – zur Ehrenrettung muss allerdings angemerkt werden, dass Norwegen nur halb so viele Einwohner hat. In Berlin wird täglich so viel Energie benötigt wie im ganzen Libanon – bloß sind hier die Einwohnerzahlen genau anders herum verteilt. Und genau, weil in Berlin vergleichsweise wenig klassische Schwerindustrie angesiedelt ist, zeigt sich, dass die Industrialisierung zwar der Anlasser für den Klimawandel war, er aber heute auch vom Lebensstandard abhängt – ein High-Tech-Unternehmen, das keine Hochöfen betreibt, keine klimaschädigenden Abgase ausstößt, kann trotzdem extrem viel Energie verbrauchen. Das VW-Werk Wolfsburg etwa benötigt mehr Energie als Großstädte wie Koblenz oder Kaiserslautern.
Damit ist in diesem Punkt zwar auch der Westen schuld, aber nur noch als Mit-Verursacher. Im Bereich klassischer Schwerindustrie produzieren wir heute weniger und konsumieren dafür mehr, während in Nationen wie China und Indien mehr produziert und dafür weniger (pro Kopf) konsumiert wird.

3. Der Umweltschutz-Faktor

Auch an diesem dritten Punkt ist der Westen schuld. Allerdings erstmalig nicht in einer negativen Weise. Doch um das zu erklären, muss einmal mehr ein Blick in die Vergangenheit geworfen werden.
1973 drosselte die OPEC ihre Erdölförderung um nur fünf Prozent als Reaktion auf den Yom-Kippur-Krieg, bei dem arabische Länder Israel angegriffen hatten und dieses vom Westen durch Waffenlieferungen gestützt worden war.
Die daraus resultierende Ölkrise sorgte im Westen kurzfristig für Tankstellen-Staus und leere Autobahnen. Langfristig führte sie den „Industrialisierungs-Profis“ aber vor, wie dünn der Faden war, der den wirtschaftlichen Wohlstand vor dem Absturz bewahrte.
Das war die Möglichkeit für alle frühen Umweltschützer, sich durch Verweise auf eine größere Autarkie des Westens mehr Gehör zu verschaffen. Die Folgen:
•    Deutschland verabschiedet 1976 das erste Energieeinsparungsgesetz, das Obergrenzen für Energieverbräuche festlegt.
•    West-weit wurden die Entwicklungen von regenerativen Energiequellen forciert
•    Seit 1975 mussten alle Neuwagen in den USA mit einem Katalysator ausgestattet sein
•    Seit 1978 hatte jeder US-Autohersteller einen maximalen Flottenverbrauch, an dem er sich zu orientieren hatte – das förderte nicht zuletzt die Weiterentwicklung des Diesels als PKW-Motor.
Und obwohl es sich eigentlich nur auf das Thema Erdöl bezog, gelang es den Umweltschützern, auf dieser monothematischen Welle reitend, eine breite Bevölkerungsmehrheit zu sensibilisieren – wenngleich der Gedankengang von Otto Normalverbraucher damals noch eher in die Richtung tendierte „je weniger Energie ich verbrauche, desto weniger muss ich zahlen“ und nicht aus grundlegenden Umweltschutzgedanken heraus.
Erst dadurch aber konnte Umweltschutz zum Mainstream werden – die Diskussionen um das Waldsterben in den 1980ern bis zur heutigen CO2-Reduktion sind – in der Bevölkerungsbreite – tatsächlich auf die Ölkrise zurückzuführen.
An diesem Punkt gebührt dem Westen erstmalig nicht der „schwarze Peter“, sondern Lob – denn hier entstanden und entstehen die mit Abstand größten Umweltschutzbemühungen.
In anderen Industrienationen die damals oder mittlerweile auf einem ähnlichen Level liegen, gab es bis dato weder auch nur annähernd so scharfe Gesetzgebungen noch einen breitgesellschaftlichen Konsens darüber, dass Umweltschutz eine Sache jedes Einzelnen ist – und nicht einer staatlichen Obrigkeit.
An dieser Stelle argumentieren Kritiker ebenfalls häufig, dass es von der Regierungsform abhängt, in welchem Maß Umweltschutz auf Graswurzel-Basis betrieben werden kann und fügen autoritäre Staaten als Negativbeispiel an.
Klar ist, dass in der heutigen Welt China der mit Abstand größte Umweltverschmutzer ist – das Reich der Mitte stieß 2016 fast doppelt so viel CO2 aus wie sein unmittelbarer Nachfolger in der Liste, die USA. Doch zeigen bereits diese beiden Werte, dass es eben keiner diktatorischen Zentralregierung bedarf, um viele Klimagase auszustoßen – schließlich sind die USA eine Demokratie. Genau wie die nächsten Länder auf der Liste:
•    Indien
•    Russland
•    Japan
•    Deutschland
•    Südkorea
Dies nimmt dem zuvor genannten Kritiker-Argument sämtlichen Wind aus den Segeln. Und gleichsam ist es auch ein pro-westliches Argument, denn zwar mischt der vielgescholtene Westen auch heute noch in der Liste der Klimawandel-Schuldigen ganz oben mit. Gleichsam werden hier aber, eben wegen der demokratischen Verhältnisse, auch die meisten Schritte unternommen werden, um den Klimawandel zu bremsen.

Für Klimaschutzabkommen, Gesetzesvorschriften, freiwillige Verpflichtungen zeichneten bis heute fast ausschließlich westliche bzw. nach dessen Vorbild technisierte asiatische Staaten wie Japan und Südkorea verantwortlich.
Wo zentralistisch-streng regiert wird, achtet man hingegen eher darauf, den Industrialisierungsgrad weiter voranzutreiben – China kann mit markigen Worten zwar viel Umweltschutz verkünden. In der Realität werden dort aber immer noch jährlich  25 Millionen Bäume allein für Essstäbchen abgeholzt, Millionen Tonnen Kohle in die Hochöfen geschüttet und so viel Beton erzeugt, dass Sand weltweit knapp wird. Um letztgenanntem Beispiel Gewichtung zu verleihen: Innerhalb der vergangenen drei Jahre benötigte China für seine Bauvorhaben mehr Sand und Beton, als die USA im gesamten 20. Jahrhundert.
Damit steht fest, der Westen ist zwar immer noch ein großer Umweltverschmutzer, die für heutige Situation verantwortlichen Immissionen stammen jedoch zum einem gewichtigen Teil aus den Industrienationen, die erst noch auf ein westliches Niveau kommen wollen – während es der Westen ist, der die größten Anstrengungen unternimmt, um den Klimawandel zu bremsen.
 

Fazit

Fraglos ist der Westen der Hauptschuldige am Klimawandel – nicht bloß, weil wir am längsten „daran arbeiten“, sondern auch, weil unser, auf die Industrie zurückzuführender Lebensstandard, erst für so viele Nachahmer sorgte, die auch auf das Niveau der eigenheimbesitzenden, transatlantischen Smartphone-Welt kommen möchten. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass heute China der größte Klimakiller ist, denn das Land ist letztendlich immer noch die „Werkbank des Westens“ – auch wenn seine Regierung mittlerweile ein generelles, vom Westen abgekoppeltes Wirtschaftswachstum verfolgt.
Doch gerade in dieser Vorbildfunktion liegt vielleicht die Lösung des Problems – denn wenn der große reiche Westen zeigt, dass er zugunsten der Umwelt umdenken und auf Teile seines Luxus verzichten kann, gelangt diese Botschaft vielleicht auch in die Klimazerstörer-Nationen von heute und morgen.
Denn Umweltschutz ist und bleibt ein globales Problem – ganz gleich, wer mit der Verschmutzung begonnen hat.