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Historismus

Einleitung

Semperoper in Dresden © goruma

Im kunsthistorischen Sinn versteht man unter der Bezeichnung Historismus ganz allgemein das Aufgreifen und Verwenden vorangegangener Stile.
Er findet seine Anwendung vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, während die Anfänge  in Mitteleuropa auf das Jahr 1850 zurückgeht. Er ist hatte damit die Zeit des Biedermeiers - die Zeit zwischen 1815 (Wiener Kongress) und 1848- abgelöst.
Der Historismus fand mit dem Beginn des Jugenstils etwa um 1895 sein (vorläufiges) Ende.

 

Es sei darauf hingewiesen, dass der er Historismus Im kulturhistorischen Sinn deher keine eigene Stilepoche ist, während man im bauhistorischen Sinne durchaus davon sprechen kann. Aber es gibt hierzu durchaus konträre Ansichten.

 

In der Architektur traten während des Historismus historische Gestaltungsmittel auf, da man allgemein die Meinung vertrat, man könne die architektonischen Formen nicht abgelöst von der vergangenen stilistischen Erfahrung betrachten.

Die beliebtesten aufgegriffenen Stile des Historismus sind
die Neoromanik,
die Neugotik,
die Neorenaissance,
der Neobarock und
das Neurokoko.

Es wurden jedoch im letzten Drittel des 19.Jahrhunderts zudem nichteuropäische Stile, wie indische, maurische und asiatische Einflüsse sichtbar. Vorbild der historistischen Architektur war das geisteswissenschaftliche Interesse an der Historie und der Entwicklung des geschichtlichen Weltbildes, das auf die allgemeine Gesellschaft des 19.Jahrhunderts und somit auch auf Kunst und Architektur übergesprungen war.

Der Historismus kam um 1820-1850 in Frankreich auf. Erstmals wurden wieder Rokokoelemente in der Architektur verwendet und als so genannte Neo- oder Neurokokoformen bezeichnet.
Da diese Epoche in Frankreich während der Herrschaft des Bürgerkönigs Louis-Philippe (1830- 1848) entstand, wird sie in Frankreich auch als Louis-Philippe-Stil bezeichnet.

Bei dem englischen Viktorianischen Stil (1837-1901) handelt es sich ebenfalls um einen historisierenden Stil. In England besann man sich bereits um 1750 wieder auf die Form der Gotik. Die Neu- oder Neogotik war schließlich um 1840 sogar in fast ganz Europa verbreitet.

Der Historismus ist in den einzelnen Ländern unterschiedlich stark ausgeprägten und zeitlich verschieden. Immer ist aber die Geschichte das eigentliche Thema des Historismus. Auf Grund des neuen historischen Verständnisses wurden historische Bauten restauriert und historische Stile neu belebt.

Bedeutende Vertreter des Historismus aus Deutschland

Zu den bedeutendsten Architekten des Historismus in Deutschland zählen:

Gottfried Semper (1803-1879)
Theophil Edvard Hansen (1813-1891)
Martin Elsässer (1884-1958)
Georg-Adolf-Demmler (1804-1886)
Hermann Friedrich Waesemann (1813-1879)
Julius Raschdorf (1823-1914)
Gabriel von Seidl (1848-1913).

Architektur des Historismus

Die stilaufgreifende Architektur des Historismus ordnete unterschiedlichen Bauten unterschiedliche historische Stile zu. So baute man Kirchen, Parlamente und gelegentlich Wohnhäuser gerne mit Stilelementen der Gotik. Museen, Theater und Opern wurden häufig in Anlehnung an Renaissancebauten errichtet. Für die Repräsentanzbauten des Bürgertums wählten die Architekten des Historismus Merkmale des Barocks. Eisenkonstruktionen und Brücken dagegen erinnern oftmals an romanische Bauwerke.

Der Historismus ist in drei Strömungen unterteilt, den Romantischen Historismus um 1870, den Strengen Historismus um 1870-1890 und den Späthistorismus ab 1890. 

Romantischer Historismus
Der Romantische Historismus löste sich nur langsam vom Klassizismus, in dem hauptsächlich antike Stilmerkmale rezipiert wurden. Es wurden vor allem Gotik und Renaissance, aber auch außereuropäische, wie maurische oder byzantinische Stilelemente behandelt. 

Strenger Historismus
Der Strenge Historismus versuchte einen lehrbaren und objektiv Stil zu bilden. Besondere Aufmerksamkeit wurde auf die Details eines Bauwerks gelegt. Bevorzugter Stil des Strengen Historismus ist die Neorenaissance. 

Späthistorismus
Im Späthistorismus wurde vor allem der Barock rezipiert. Beliebt waren Erker, Kuppeln und große Balkone sowie ein reiches Dekor.

 

Stilprägende Bauten

Potsdam, Nauener Tor
Nauener Tor © goruma

Nauener Tor in Potsdam
Das Tor mit seinen zwei Türmen wurde 1754/1755 vom Johann Gottfried Büring im Stil der Neugotik errichtet und befindet sich am Rand des "Holländischen Viertels" und am Ende der Friedrich-Ebert-Straße.
Es ist eines der drei noch erhaltenen Stadttore von Potsdam.

Gaisburger Kirche
Zu den stilprägenden Bauten des Historismus zählt unter anderem die Gaisburger Kirche (1911-13) in Stuttgart von Martin Elsaesser. Es handelt sich um einen elliptischen Zentralbau mit barockem Interieur. Die Kirche besitzt sowohl Elemente des Neobarock wie auch des Jugendstils.

Markthalle in Stuttgart
Die Markthalle in Stuttgart von 1910, ebenfalls von Martin Elsaesser gebaut, weist einen historistisch verkleideten Außenbau auf, der an die Wehrbauten des 16. Jahrhunderts erinnert. 

Berliner Dom, Berlin
Berliner Dom © goruma

Berliner Dom
Der Berliner Dom (1894 - 1904) von Julius Raschdorf, ist nach dem Vorbild der italienischen Kuppelbauten der Hochrenaissance gebaut. 

Bayrische Nationalmuseum,
Rupertuskirche 
Auch das Bayrische Nationalmuseum (1894 - 1899) und die Rupertuskirche (um 1890 - ca.1900) in München, beides Bauten von Gabriel von Seidl, sind im Stil des Historismus entworfen. 

Schloss Neuschwanstein
Schloss Neuschwanstein, ab 1868 unter König Ludwig II. von Bayern errichtet, ist eine charakteristische Neuschöpfung des Historismus. 

Rotes Rathaus, Berlin
Rotes Rathaus, Berlin © goruma

Rotes Rathaus in Berlin
Das Rote Rathaus (1861 - 1869) in Berlin von Hermann Friedrich Waesemann, heute der Sitz der Berliner Landesregierung, also dem Senat, wurde im Stil der Neorenaissance gebaut. 

Schweriner Schloss
Der Wiederaufbau des Schweriner Schlosses ab 1842 von Georg-Adolf Demmler, heute Sitz des Parlaments von Mecklenburg-Vorpommern, wurde architektonisch ebenfalls an die Renaissance angelehnt. 

Friedenskirche  Potsdam
Friedenskirche © goruma (Dr.Ramm)


Friedenskirche im Schlosspark Sanssouci in Potsdam

Die Kirche in Potsdam ( wurde im Friedensteich des Schlossparks nach dem Vorbild frühchristlicher Kirchen in Italien errichtet.

Die Kirche wurde von u. a. Persius und Stüler in den Jahren 1844-1854 errichtet.

Beim Bau wurden so genannte Spolien, d.h. alte Architekturelemente, wie z.B. das Mosaik in der Apsis mit in die Architektur integriert.


Parlament, Palais Epstein, Rathaus, Burgtheater in Wien
Zum österreichischen Historismus zählen die Bauten entlang der Ringstraße in Wien. Beispielsweise das im griechischen Stil erbaute Parlament, daneben das Palais Epstein im Stil der Renaissance, das neugotische Rathaus und das neobarocke Burgtheater.

Bildende Kunst

Im deutschsprachigen Raum entstand während der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Möbelkunst eine Mischform, die sich aus Stilelementen der Gotik, der Renaissance und des Barock zusammensetzte und als Altdeutscher Stil bezeichnet wird.

Im Bürgertum kam der Wunsch nach prunkvoll bis überladen verzierten, wuchtigen Möbel, welche die gutbürgerliche Lebensweise demonstrieren sollte, auf.

Die Bildhauerei des Historismus fand ihre Hauptaufgabe bei der Restaurierung historischer Gebäude sowie bei der Neubildung historistischer Bauten. Auch in der Malerei wurden historistische Züge sichtbar. Es lässt sich jedoch nicht von einem typischen historistischen Stil in der Bildenden Kunst sprechen.


Kommentare
Bettina  (Sonntag, 13.12.2015)
Tolle Bilder. Besonders das der Friedenskirche hat mir besonders gut gefallen. Aber auch die zugehörigen Texte sind recht aufschluss- und lehrreich. Ein besinnliches Fest und einen guten Rutsch! Eure Bettina


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