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Villa Müller in Prag (Tschechien)

Villa Müller in Prag

Die Villa Müller, im Jahr 1930 nach Entwürfen von Adolf Loos erbaut, entstammt einer Zeit, die viele architektonische ‚Klassiker’ hervorbrachte.
Sie fand daher in dieser Zeit weniger Beachtung als die Bauten eines Le Corbusiers oder eines Mies van der Rohes.

Jedoch ist sie einen zweiten Blick wert, denn gerade das nähere Hinschauen oder mehr das Hineinschauen bringt Unerwartetes zum Vorschein und bekräftigt seine Einzigartigkeit. Die Villa Müller stellt das reifste Werk des Architekten Adolf Loos dar, sein Entwurfsprinzip des Raumplans findet hier zu seiner Perfektion.

Standort Prag (Tschechien)
Bauzeit 1928-1930
Architekt Adolf Loos, Karel Lhota
Besonderheiten Konsequente Umsetzung des Raumplans
Nutzung Wohnhaus Loos-Villa, Müller-Villa – Museum der Hauptstadt Prag
Adolf Loos Study Centre
Adresse / Telefon Nad Hradním vodojemem 14
642Praha 6 - Stresovice, 160 00,
Telefon: 224 312 012,
http://www.mullerovavila.cz
http://www.muzeumprahy.cz
Besichtigung Besichtigungen sind nur mit einer vorher reservierten Führung möglich

Geschichte des Bauwerks

Der Bauunternehmer und Mitbesitzer der Baufirma Kapsa und Müller, Dr. Frantisek Müller, beauftragte die Architekten Adolf Loos und Karel Lhota mit der Planung der Villa im Oktober 1928. Den Protesten der Nachbarschaft zum Trotz wurde der Bau noch vor Erteilung der Baubewilligung im Juni 1929 begonnen. Im Februar 1930 war der Bau fertiggestellt, Dr. Müller bezog das Haus mit seiner Frau Milada, der vierjährigen Tochter Eva und einer Belegschaft von Hausangestellten. 1948 wurde es verstaatlicht, die Familie konnte danach nur noch einen Teil des Hauses beanspruchen.

Nach dem Tod von Milada Müller im Jahre 1968 wurde die Villa von verschiedenen Institutionen okkupiert, unter anderem durch das Institut für Marxismus und Leninismus und die Kommunistische Partei der CCSR, die dort ihr Archiv einrichtete. Nach der Wende 1989 ging das Haus in den Besitz der Tochter Eva Maternova über, die es an die Stadt Prag verkaufte.1995 wurde die Villa Müller zum nationalen Kulturdenkmal erklärt und seitdem wird sie vom Museum der Hauptstadt Prag verwaltet. Nach aufwändiger Restaurierung ist die Villa 2000 im Rahmen des Europäischen-Kulturstadt-Jahres wiedereröffnet worden. Heute ist sie als Museum zu besichtigen und beherbergt ein Adolf- Loos-Studienzentrum .

Beschreibung des Gebäudes

Das Grundstück der Villa liegt an einem Hang über der Altstadt von Prag, es ist im Norden und Süden von zwei Strassen eingefasst. Der kubische Baukörper ist an der südlichen Grundstücksgrenze platziert. Eine Rampe führt von der südlichen Strasse herab zu der Eingangsnische. Das Innere ist durch die ungewöhnliche Anordnung der Räume das eigentlich Besondere des Hauses, der Besucher wird immer wieder überrascht von unerwarteten Abzweigungen und verblüffenden Höhensprüngen:

Hinter der Eingangstür erstreckt sich eine Raumfolge von Windfang, Sprechzimmer und Vorraum, mit dazugehöriger Garderobe und Toilette. Von diesen eher bescheidenen Räumen führt eine kleine Treppe über ein Podest direkt in die großzügige Wohnhalle, dem Herzen der Villa. Den nördlichen Abschluss der Halle bilden drei große Fenstertüren, die auf die Terrasse überleiten. Die Stirnseiten des Salons sind mit einem fest eingebauten Sofa und gegenüberliegend mit einem Kamin versehen.

Der Weg durch das Haus setzt sich weiter nach links fort: eine offene Treppe führt vom Salon in das Speisezimmer, dem Küche und Anrichte angeschlossen sind; zusätzlich zweigt sich auf halber Treppe der Treppenraum zur rechten Seite ab. Von hier aus erschließen sich in einer kontinuierlichen Aufwärtsbewegung die privateren Wohnräume. Vorbei an Damen- und Herrenzimmer gelangt man auf die Schlafebene mit Eltern und Kinderschlafzimmer. ein Gang durch das Haus führt und endet auf der Terrassenebene:
145 m2 groß, bietet sie einen brillanten Ausblick auf die Prager Altstadt. Zusätzlich befindet sich ein Sommerspeisezimmer auf diesem Geschoss.
Das ganze Haus kann neben dem repräsentativen Weg auch über eine Nebentreppe erschlossen werden, sie durchquert auf kürzestem Wege alle Ebenen, vom Keller bis zum Dach. Die Räume der Villa Müller sind ihrem Gebrauch entsprechend bewusst gestaltet. o ist beispielsweise der Salon mit kostbaren Materialien (Marmor, Samt) versehen, er wirkt repräsentativ und einladend.

Das Damenzimmer hingegen ist freundlich und locker (Zitronenholz, Polsterungen), das Kinderzimmer ist laut und frech (großflächiger Anstrich mit Primärfarben). Im Gegensatz zur inneren Vielfalt und Lebendigkeit der Villa ist ihr Äußeres eher unscheinbar. Der stereometrische Baukörper nähert sich den Maßen eines Kubus, die wenigen Fenster wirken ungeordnet in die Fassade gedrückt, die Fassade ist weiß verputzt. Streng und kühl gräbt sich der Würfel in den Hang.

Nutzung, Größe

Die Villa wurde als Wohnsitz für eine dreiköpfige Familie und deren Hausangestellte konzipiert. Auf einer Wohnfläche von 600 m2 verteilen sich unter anderem Salon, Speisezimmer, Damen- und Herrenzimmer, mehrere Schlafzimmer, ein Gästezimmer, Toiletten und Bäder sowie ein Sommerspeisezimmer. Alle Räumlichkeiten können sowohl auf einem repräsentativen als auch auf ökonomischen Weg erschlossen werden. Ein Lift und ein Speiseaufzug erleichtern den Verkehr. Heute ist die Villa restauriert und steht dem Besucher offen.

Besonderheiten

„Sie fragen (…), welchen Rang innerhalb der Reihe meiner Arbeiten ich dem neuen Haus von Dr. Müller in Prag zuordne? In der Grundlinie meines architektonischen Denkens … den ersten.“ (Adolf Loos 1930)
Die Villa Müller vereinigt und veranschaulicht exemplarisch die Loos'schen Gestaltungsprinzipien. Von außen gibt sie sich als strenger weißer Kubus, ganz im Sinne des International Style und der funktionalistischen Moderne der dreißiger Jahre. Die Organisation der Innenräume ist jedoch weit komplexer und geht über die reine Funktionalität hinaus. Vielmehr kann hier von einer Inszenierung des Weges durch das Haus gesprochen werden.

Das Prinzip des Raumplans, das virtuose Verweben von Räumen und Wegen unterschiedlicher Höhenniveaus findet hier seine Vollendung. Somit erweitert Loos in der Villa Müller den klassischen Begriff des Geschosses, hebelt ihn gar aus. Durch diese Ambivalenz ihrer Gestaltungsprinzipien will sich die Villa Müller keinen architektonischen Strömungen oder Moden zuordnen lassen, sie ist eher – genau wie ihr Architekt – ein Outsider, ein Original.

Der Architekt

Adolf Loos, Sohn eines Steinmetzen, wurde am 10, Dezember 1970 in Brünn geboren.1887 bis 88 absolvierte Loos eine Ausbildung an der bautechnischen Abteilung der Staatsgewebeschule Reichenberg. 1890-93 folgte ein Studium an der Technischen Hochschule Dresden, welches Loos jedoch nicht abschloss.

Ein ausgedehnter Aufenthalt in den Vereinigten Staaten und Besuche in London und Paris machten Loos mit der Chicagoer Schule um Louis Sullivan und die Arts- and- Crafts-Bewegung näher bekannt.1896 ließ sich Loos in Wien nieder und bewährte sich als Autor zahlreicher kulturkritischer Schriften ('Ornament und Verbrechen', 1908 / 'Architektur', 1910). Seine bauliche Tätigkeit begann mit dem Entwerfen von Interieurs. Adolf Loos entwickelte sich zum scharfen Kritiker des Jugendstils, mit seiner zynisch- überspitzten Argumentation richtete er sich im Besonderen gegen die Wiener Secession.

Stattdessen pflegte er den Kontakt zur künstlerischen Avantgarde um Karl Kraus und Oskar Kokoschka. Zu seinen berühmtesten Bauten zählen das Café Museum, wegen seiner Kargheit auch Cafe Nihilismus genannt (1899, Wien), das Haus am Michaelerplatz (1910, Wien), das aufgrund seiner fehlenden Fenstergesimse auch Haus ohne Augenbrauen hieß und von Kaiser Franz Joseph auf Lebzeit gemieden wurde, die Villa Müller (1930, Prag) als Perfektion seines Raumplans, sowie das signifikanten Wohnhaus für den Dadaisten Tristan Tzara (1926, Paris). Loos, ein anglophiler Dandy, pflegte damals einen Lebensstil, welcher heute treffend das Siegel: Stararchitekt verdient hätte. Er war dreimal verheiratet und genauso oft geschieden.
Adolf Loos starb am 23. August 1933 in der Nähe von Wien an einem Nervenleiden.




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